…wenn er nur wollte.

Alle Eltern Heranwachsender beschäftigten  sich mit der Frage nach der Zukunft ihrer Kinder.
Diese Sorge beschäftigt Eltern mit und ohne Autismus.

Als Autisten tun wir das oft mit einem kleinen Unterschied. Uns ist dabei stets bewusst, im Rückblick unserer eigenen Vergangenheit und auch unmittelbar, mit dem Erleben der Situation, die wir – selbst – jetzt in der Gegenwart haben, dass die Zukunft für unsere betroffenen Kinder düsterer aussieht. Die Chancen auf Teilhabe für unsere Kinder, deren Möglichkeiten einen Platz zu finden auf dem 1. Arbeitsmarkt und somit auf ein selbstbestimmtes Leben ist deutlich geringer als für deren nichtautistischen Altersentsprechungen.
Dadurch ist die Sorge, die wir Eltern autistischer Heranwachsender haben qualitativ oft eine ganz andere.

Ich erkläre es an einem Beispiel, dann versteht man es besser.

Da schob ich einmal – es muss letzten Sommer gewesen sein – meinen Einkaufswagen durch die Gänge des Supermarktes. Wir wohnen in einer kleinen Stadt, da ist es durchaus wahrscheinlich, dass man hin und wieder Menschen trifft, mit denen man in irgendeiner Weise in Beziehung steht – oder stand.

So traf ich auf eine ehemalige Schülermutter. Mit deren Sohn mein Jüngster, vor Jahren die Schulbank teilte. Ihrem Gesichtsausdruck nach freute sie sich mich zu sehen und erkundigte sich gleich – nach einem sehr ausschweifendem  “Hallo” nach meinem Sohn.
Bevor ich auch nur einen Satz sagen konnte, erzählte  aber dann sie – ohne auf meine Antwort zu warten – direkt von ihrem.
Was er alles tut, was er alles kann, was er alles erreicht und geschafft hat und welche Aussichten er offensichtlich zu erwarten hat…etc.

Das ist sehr erfreulich – für jeden Heranwachsenden, für jeden Menschen. Und ihre Freude als Mutter darüber ist berechtigt und angebracht.
Ich finde solche Begegnungen extrem anstrengend.
Und zwar in zweierlei Hinsicht.
Zum Einen, weil es mich verwirrt. Denn ich erkenne nicht die Absichten bzw ihre Erwartungen in dem Moment an mich. Möchte sie wirklich etwas über meinem Sohn wissen? Oder möchte sie in erster Linie über ihren berichten? So etwas kann ich nicht intuitiv erkennen, sondern erst nach vielen Tagen kognitiven „Wälzens“ der gewesenen Situation.

Und zum Anderen ist das für mich sehr schwer, Tatsachen so zu verkleiden, dass sie für die anderen Menschen erträglich sind zu hören.
Ich beantwortete ihr dann endlich – nachdem sie offensichtlich dringend eine Atempause brauchte – ihre, zu Beginn an mich gestellte Frage.
Und ich sagte ihr: „Wir freuen uns auch sehr über J… Erfolge, denn er hat es endlich geschafft , ohne seinen Schulbegleiter mit dem Bus vom Berufskolleg wieder nach Hause zu fahren”. Das sind die kleinen Dinge, die uns glücklich machen und die uns Hoffnung geben”.

Nun, da war die Unterhaltung dann auch so gut wie beendet.
Auch die Verabschiedung war dann weniger ausführlich und wir beide konnten jeweils unseren Einkauf ungestört fortsetzen.
Ich habe noch lange anschließend darüber nachgedacht wie unterschiedlich doch die Qualität der Sichtweise auf die Zukunft unsere beiden Söhne sind. Wie unterschiedlich unsere Sorgen, unsere Wünsche unsere Erwartungen, Hoffnungen als Mütter sind.
So unterschiedlich dass wir wohl beide eine gemeinsame Plauderei, einen Austausch über die Zukunft unserer Kinder meiden werden.

Eltern autistischer Heranwachsender und Jugendlicher sehen sich mit ganz anderen Problemen und Situationen konfrontiert, und wenn sie zudem selbst autistisch sind, neigen sie in aller Regel weniger dazu, sich oder anderen die Tatsachen schön zu reden.
Nun,  an welche Tatsache denke ich denn dabei?
Ich denke zb. darüber nach, dass die Zahl der Autisten, die trotz Regelschule oder sogar mit Hochschulabschlüssen heute arbeitslos, berufsunfähig oder Harz 4- Empfänger sind, trotz deutlich besserer Kenntnisse um das Thema Autismus, sehr hoch ist.
Sehr hoch ist auch die Zahl der Autisten, die mit zunehmendem Alter, deutlich an Erkrankungen leiden, die unmittelbar auf die Folgen des Autismus und der damit einhergehenden höheren Dauerbelastung zurückzuführen sind.
Mich besorgt auch die Tatsache, dass bei den Erwachsenen kognitiv hochfunktionalen Autisten, die über 50 Jahre sind, diese komorbiden Folgen, in etwa 100% betragen. Das betrifft also uns alle.

Das sind dann Komorbiditäten wie Depression, psychosomatische Störungen, wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen Magen Darm Störungen und was es da so alles gibt, sowie Psychosen, die es kaum einen Autisten ermöglichen, sofern er Arbeit hat, diese auch bis ins Rentenalter durch zu stehen – und das obwohl es hier um Menschen geht, die teilweise herausragende Begabungen zeigen, die für diese Gesellschaft durchaus Nutzen brächten. Doch leider überwiegen der Mehrheitsgesellschaft die autistischen Defizite am Ende, die sich umso drastischer zeigen, desto höher der Anpassungsdruck ist, den man an uns stellt.

Wer bereits deutlich mehr Ressourcen vergeudet, bei dem Versuch sich dieser nichtautistisch ausgerichteten Welt anzupassen und sich darin zurechtzufinden, hat am Ende nicht mehr so viel übrig, um leistungsfähig zu bleiben und konstant seine durchaus vorhandenen Fähigkeiten der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.
Diese Gesellschaft wird die vorhandenen Fähigkeiten nicht nutzen können, wenn weiterhin die meisten Förderungen und Hilfen für uns zum Ziel haben, dass wir lernen, zu verbergen wer und was wir sind.

Wenn das Ziel aller therapeutischer Interventionen dazu dient, die Anpassung soweit zu bringen, dass der Autist allen Anschein nach, diese Welt für seine hält.
Wenn einseitig der Anpassungsdruck beibehalten oder sogar mit den Jahren erhöht wird, weil man damit den Autisten auf das “richtige” Leben vorbereiten will, werden die autistischen Defizite immer überwiegen.
Vielleicht nicht immer so sichtbar für Außenstehende. Aber in den eigenen vier Wänden, zu Hause, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, fliegen dann die Fetzen. Die Stühle, die Fäuste und gehen manchmal Fensterscheiben zu Bruch. Und was vor allem zu Bruch geht, ist das Vertrauen in die eigene Person – und die realistische Wahrnehmung der eigenen Person, der eigenen Bedürfnisse, des Betroffenen.

Glaubt doch nicht, dass auch nur ein Autist, jemals zu einem Nichtautisten geworden ist und nun weniger autistisch denkt, wahrnimmt, sich und die Welt erlebt, nur weil er gelernt hat zu verbergen, wie er denkt, fühlt und die Welt versteht.
Seid  versichert, dass genau das zu der Dysfunktionalität führt, über die sich so viele wundern.

„Warum kann er denn das jetzt nicht? Gestern konnte er doch noch !“

Trotz gut gelungener Anpassung und hoher Funktionalität an einigen Tagen haben wir Defizite an vielen Tagen, die auch uns selbst verzweifeln lassen. Und das sind ja auch die Dinge, weswegen solche Veranstaltungen, wie diese überhaupt nötig sind. Denn wir säßen ja nicht hier, wenn es in erster Linie um die Fähigkeiten ginge, die Autisten haben. Nicht wahr?
Und seit einiger Zeit schon beschäftigt mich die Frage, ob wir als Menschheit, uns das eigentlich erlauben können, auf diesen kleinen Teil der Menschen und deren Potential zu verzichten.
Diese Frage kommt mir immer wieder, wenn ich erneut erkenne, wie meine Kinder an diesem System mit ihren Talenten vor die Hunde gehen.
Wie unsagbar schade für sie ..was ein Verlust für alle anderen.

Auch meine Kinder haben herausragende oder gar ungewöhnliche Fähigkeiten. Das wurde bereits von der Grundschule an, von vielen Lehrern so an uns herangetragen. Alle wiederum sehr individuell, aber doch erkennbar, dass sie in den ein oder anderen Bereichen weit über den durchschnittlichen Erwartungen liegen. Außergewöhnlich auch das Wissen, was sie, wenn sie für ein Thema brennen, durchaus präsentieren – damit Motor einer Klasse sein können und viel zum Unterricht beitragen.

Jedenfalls stand für Lehrer immer außer Frage, dass jeder unserer Kinder, doch durchaus könne… wenn es nur wolle.
Schließlich sahen sie ja oft genug, was in ihnen steckte.
Und von Montags bis Mittwochs mag es auch gut gelaufen sein – ab Donnerstag bröckelte dann die Fassade der Anpassung. Und Freitags waren meine Kinder meist krank. Das verstanden die meisten nicht. Da waren sie oft auch ungehalten.
Aber sie schaffen eben unter neurotypischen Bedingungen, die nicht ihre sind, keine 5 -Tage – Woche. Ihre Wahrnehmung und ihre Art zu denken benötigt ganz andere Rahmenbedingungen und Voraussetzungen, die eine nichtautistisch ausgerichtete Welt ihnen so nicht bieten kann.

Für die 99% Nichtautisten mag das System Schule, Ausbildung, Arbeitsleben so wie es strukturiert, aufgebaut ist und offensichtlich für den meisten ja funktioniert, richtig sein. Für ein Prozent der Menschen, deren Gehirne neurodivers arbeiten, ist es das aber nicht. Für diese kleine Minderheit der Andersdenkenden ist das eben einfach nicht kompatibel.
Ihre Software wird in eine Umgebung, also quasi ihn ein Betriebssystem gepackt, für die es nicht geschaffen ist.
Das kann nicht funktionieren. So kann man diese Software, diese Gehirne nicht in ihren ganzen Möglichkeiten ausschöpfen und verwenden.

Achten Sie auf die Systemvoraussetzungen

Sie können eine Software, die für Macintosh konzipiert wurde auch nicht in ihrem Windows-PC starten. Oder wenn sie es doch tun…?
Na, dann wundern sie sich doch bitte nicht, wenn es in der Anwendungsausführung Probleme gibt.
Und geben Sie dann nicht der Software schuld daran. Sie haben die angegebenen Systemvoraussetzungen doch ignoriert. Steht doch auf jeder Software drauf, welche Systemvoraussetzungen vorhanden sein müssen, damit alles optimal läuft.

Nicht die Software ist dann falsch. Und natürlich auch nicht Ihre Hardware. Aber beides ist eben angewiesen auf passende Voraussetzungen.
Wenn sie also dennoch auf diese Software nicht verzichten wollen, dann müssen sie dafür halt einen Macintosh kaufen.  So einfach ist das.

Nicht das autistisch denkende Gehirn ist das falsche… Das Problem ist, dass die Mehrheitsgesellschaft immer noch nicht verstanden hat, dass wir in nichtautistischer Umgebung – in nichtautistischer Hardware, fehlerhaft laufen.
Dass wir so niemals unsere Potenziale einbringen, unsere Fähigkeiten konstant zur Verfügung stellen können.
„Er könnte so viel wenn er nur wollte.“ Bitte glauben Sie und realisieren Sie doch endlich, dass es nie eine Frage des Wollens ist.
Mein jüngster Sohn, hat die letzten beiden Jahre ein Berufskolleg besucht. Möglich war das nur, mit einem Schulbegleiter.
Ich schildere mal eine Situation, die ich für ein sehr anschauliches Beispiel halte, was deutlich macht, wie fundamental anders die Wahrnehmung und das autistische Denken sein kann.
Wie grundsätzlich verschieden unsere Art die Welt zu sehen, mitunter ist.
Dass Autisten anders denken, ist bisweilen ja bekannt. Aber kaum jemand kann ohne direkte Vergleiche auch nur annähernd erahnen, wie weit-und tiefgreifend verschieden unsere Gehirne arbeiten.

Meist holte ich meinen Sohn von der Schule ab, meist auch viel früher, da seine Kapazitäten ausgeschöpft waren.
Er hatte zwar einen eigenen Rückzugsraum, den er jederzeit aufsuchen durfte, aber trotzdem war an vielen Tagen es ihm nicht möglich länger zu bleiben. Das hätte nämlich bedeutet, dass er am nächsten Tag krank und dann überhaupt nicht schulfähig gewesen wäre.
Und einmal, als der Schulbegleiter ihn zum Auto brachte, da sagte er zu mir: “Heute hat er aber alle richtig verblüfft…frag ich: wieso? sagt der: es ging um Wahrnehmung und dass man eben das meiste, was man sieht oder hört ausblendet…
Und als Beweis hat die Lehrerin für 20 Sekunden ein Bild betrachten lassen.

Ich zeige Ihnen das Bild!
Schauen Sie es sich einmal 20 Sekunden an.
Und dann blenden wir es wieder aus.

 

…dann sollten die Schüler erinnern und schriftlich notieren was sie alles sahen. Was war noch alles vorhanden, vor dem inneren Auge?

Was sehen Sie noch? Was ist bedeutend und wichtig?

 

Wie viele Details haben Sie wahrgenommen? Oder richtete sich ihre Aufmerksamkeit eher auf das Gesamtbild? Was als Information dann eine Marktszene wäre, die austauschbar als Marktszene schlechthin für alle Märkte gelten könnte?

Reduziert ihr Gehirn automatisch die Information und bündelt sie zu einem Ganzen? oder saugt es die Teile alle einzeln auf?
Wie war die Umgebung, wie viele Menschen waren dort?
Was taten die?
Der Arbeitsauftrag der Lehrerin lautete nun, : “ Schreiben Sie auf einem Blatt alle Dinge Personen, Details, die ihnen in Erinnerung geblieben sind!”
Und wie die Lehrerin vermutet hatte…war da bei allen nicht so üppig was abrufbar…

Und mein Sohn? …er notierte nichts… er skizzierte stattdessen schnell auf ein Stück Papier, das was er auch ohne Buch noch vor seinem inneren Auge sah.
…und ließ kaum etwas aus.

Erkennen Sie da Unterschiede in der Art und Weise der Wahrnehmung?
Wer so die Welt sieht und wahrnimmt, der braucht keinen Jahrmarktsbesuch, der befindet sich dauernd auf einem.
Und mal losgelöst von diesem Bild – bezogen auf Schulunterricht und gestellte Aufgaben:
Wessen Gehirn so anders arbeitet, der kann gestellte Aufgaben, nach den üblichen Vorgaben nicht lösen. Er löst sie dann völlig anders.

Das sehen Sie hier – denn was hat er gemacht?

  1. Er notierte keine Worte-  sein Gehirn macht aus dem was es sieht, nicht automatisch einen Begriff. – er übersetzte nicht wie die meisten das tun, das Gesehene in Begriffe, sondern transportierte das was er sah, als Bild nach Außen. ( so nehmen viele Autisten die Welt wahr – als Bilderdenker – aber bitte machen Sie kein Klischee daraus, nicht alle Autisten sind Bilderdenker)
    einige sind Zahlenorientiert oder funktionieren wiederum anders.
  2. er kann in der kurzen Zeit, nicht nach Priorität vorgegangen sein – was ist wichtig, was nicht?
    Sein Hirn unterscheidet und werten nicht. Das hätte dann nämlich Lücken hinterlassen. Die Lücken, die bei allen anderen vorhanden waren. Als Hinweis, dass sie wohltuende Filterfunktion besitzen, die deren Gehirne vor Überlastung bewahren.

Eine Gnade, so einen eingebauten Filter.

Wer so reduziert durch diese laute Welt geht, der kann da auch unbeschadet einen Schultag überstehen. Vielleicht am Nachmittag noch durch die Stadt und am Abend ins Kino…

Er wertete auch bei der Wiedergabe nichts. Sondern sprudelte ungefiltert, genau wie es in den 20 Sekunden in den Kopf wanderte, das Gesehene auch wieder heraus. Denn nun hörte und sah er ringsherum nichts. Er musste das aufs Papier bringen. Er bemerkte in dem Moment nicht, dass die Schüler und Lehrer erstaunt zu sahen, wie er versunken in der Aufgabe, sein inneres Bild, nach Außen reproduzierte.

Als er fertig war, bemerkte er, dass alle zu schauten. Da wurde er verlegen und wusste nicht, was ihn da so in den Mittelpunkt brachte.
Dann sagte ein Schüler – “ja jetzt kann ich nachvollziehen, warum Johan nicht in die Pause geht, warum er in die Klasse kommt, wenn alle bereits da sind oder die Klasse als Letzter verlässt, wenn die Flure leer sind.”

Ich muss dazu erwähnen, dass ich in dieser Klasse, einige Wochen zuvor einen Vortrag hielt, weil ich eben die Schüler und Lehrer mit Johans Einverständnis aufklären wollte, über die Besonderheiten, die denen auch ohne meine Erklärungen irgendwann aufgefallen wären. Denn wer sitzt schon mit 18 / 19 Jahren in einem Berufskolleg und hat einen Dauerbegleiter neben sich, der quasi alles übernimmt, was Johan nicht schafft?
Die Klasse hat damals bereits sehr gut reagiert und Johan genoss absolute Akzeptanz, auch wenn er fast keinen Tag durchgehalten hat.
Diese Schule hat das alles einfach möglich gemacht.
Wo es in der früheren Schule noch hieß, da muss er durch… da muss er sich endlich lernen den Anforderungen zu stellen. Er kann nicht immer in seiner Komfortzone bleiben….
Von welcher Komfortzone sprechen die? Wo ist die?

Wenn mein Sohn mit dem Bus zur Schule fährt, dann sieht, hört, riecht er all das, was da im Bus existent ist  – filterlos wandert es in sein Hirn und wenn er dann seine erste Schulstunde beginnt, laufen alle sensorischen Inputs bereits in seinem Gehirn in Dauerschleife. Das kostet so viel Kraft, als hätte er bereits einen 8 Stunden Tag hinter sich.
Da sprechen Unwissende dann von Komfortzone, die er nicht verlässt, weil wir ihn zur Schule fahren – damit er nicht dort völlig strubbelig ankommt.
Wer so durch die Welt geht, und sich Rückzugsräume sichert, der sucht nicht Komfort, sondern der versucht zu überleben.

Die Schüler also sahen deutlich den Unterschied in dem Wahrnehmungsprozess den neurotypische Personen zu haben scheinen und dem eines Autisten.

Und das Schöne ist…endlich sah mein Sohn das auch.
Er meinte dann zu mir sagen zu müssen, dass er es nicht ordentlich genug gezeichnet habe, weil er sich beeilen wollte…und er schob hinterher, dass er doch ALLES so …und Immer sieht…und er fragte dann seine Mitschüler …seht ihr denn das nicht mehr?
Ist denn nichts mehr da, wenn ihr die Augen zu macht? Und morgen? Und nächste Woche? ist dann gar nichts mehr davon da? Alles ausgelöscht? Wie kommt ihr denn durchs Leben, wenn ihr alles vergesst?………Wie unsagbar schade…was für ein Verlust…

Gleichzeitig wurde ihm aber deutlich klar, dass diese Flut von Eindrücken es ist –  diese filterlose sensorische Fähigkeit genau seine behindernde Belastung darstellt, die ihn regelmäßig abbrechen lassen, die ihn ohne Schutz des I-Helfers nicht schulfähig und nicht ausbildungsfähig sein lässt –

Dass er eben mit diesem Gehirn in dieser lauten, schrillen und sensorisch überfrachteten Welt – und damit in dieser Gesellschaft seine Fähigkeiten niemals zeigen und auch nicht zur allgemeinen Verfügung stellen kann…und aufgrund seiner dauernden Zusammenbrüche noch gar nicht feststeht, ob er nicht trotz guter kognitiver Funktionen und Talente eines Tages in einer Werkstatt landet.
Schrauben in Kisten sortiert und das sein Leben sein wird, wenn wir einmal nicht mehr für ihn da sein können.
Er ist ein intelligenter junger Mann, der sich durchaus bewusst darüber ist, was er bewältigen und leisten kann – welche Umgebung oder welche Bedingungen er dafür aber benötigt.
Und es macht ihm wahnsinnige Angst, dass er diese, seine Bedingungen nicht bestimmen und für sich sichern darf.
Er ist mit seiner Art zu denken, mit seiner Software, in der Minderheit. Und damit läuft er in der normalen Gesellschaft fehlerhaft. Und das macht ihn  – zu behindert für den 1. Arbeitsmarkt – und anderseits zu tauglich für eine Werkstatt.
Das kann und darf doch nicht die Lösung sein?
Für alle nicht.

Eine Welt in dem er seine mitgebrachten Fähigkeiten weiterentwickeln und auch gesellschaftsverfügbar aus diesen Fähigkeiten ein gesellschaftlicher Nutzen entstehen könnte, die sähe anders aus.
Diese Welt wäre ruhiger, strukturierter und sie bestünde aus verbindlichen Regeln. Sie würde sich seiner Geschwindigkeit anpassen und es gäbe nicht diese lärmigen Pausen, die andere zur Erholung brauchen und ihm so zusetzen.

In seiner Welt wäre die Sprache eine klare und die gesagten Worte hätten Gültigkeit.
Seine Betriebsvoraussetzungen weitgehend erfüllt, ließen ihn eher gesund bleiben und leistungsfähig.

Und nun könnten Sie diskutieren – und spekulieren was Lösungen sein könnten. –  Sie könnten aber auch meinen Sohn fragen.
Sie könnten bestimmen welche Veränderungen oder Verbesserungen die Richtigen wären.
Sie könnten diskutieren ob es einfacher, kostengünstiger und zielführender ist, den Fokus auf noch mehr Anpassung zu richten oder auf die Schaffung ganz individueller Bedingungen.
Sie könnten aber auch ihn selbst fragen.

Sie könnten grundsätzlich uns mit einbeziehen, in all Ihren Vorkehrungen, Überlegungen und Interventionen. Sie könnten einfach entsprechende Zugeständnisse allen Autisten entgegenbringen und damit sicherstellen, dass die Vulnerabilität abnimmt und wir dadurch unsere Ressourcen waren und unsere Fähigkeiten, die wir ja mitgebracht haben, für diese Welt, freisetzen können.

Sie könnten darüber diskutieren, was der vernünftigere und realistische Weg in Zukunft sein wird.
Und das genau wird ja auch seit vielen Jahren gemacht. Man diskutiert über unsere Bedarfe und Belange – doch noch immer meist ohne uns.
Wir allerdings sind diejenigen, um die es dabei geht.
Wir sind es, die mit euren Lösungen klar kommen müssen.
Wir sind die, die seltenst hierzu befragt werden.

Obwohl viele Autisten kognitiv durchaus dazu in der Lage wären mitzusprechen – und wir auch durchaus bereit dazu wären  – uns anbieten und wünschen, dass man uns fragt.
Und wir wären auch bereit, mit in verantwortlichen Gremien zu sitzen, wo es darum geht, über die Bedingungen nachzudenken, die Autisten brauchen, die weniger in der Lage sind, für sich zu sprechen – weil sie vielleicht kognitiv eingeschränkter sind, oder weil sie nonverbal sind.

Aber auch da kommen Menschen zusammen, die glauben, dass sie wüssten wie autistische Gehirne denken und was sie brauchen, obwohl sie ganz anders denken.
Nach wie vor behaupten Menschen, die nicht so denken und empfinden wie wir, sie wüssten wie wir denken und empfinden.
Und schlimmer noch, sie glauben auch zu wissen, was für uns das Beste ist.

An alle Menschen, die beruflich mit Autisten zu tun haben…sich einsetzen und für uns sprechen – danke für den hohen Einsatz und euer Engagement.

Doch bitte bedenkt ….Autismus, das bedeutet nicht euer Leben. Es ist euer Broterwerb…es ist euer Job. Und ihr macht ihn so gut wie ihr könnt.
Aber danach geht ihr nach Hause und am nächsten Tag wacht ihr auf, in eurer Welt.

Wir gehen nie nach Hause, wir legen nie den Autismus beiseite, sondern wir wachen jeden Morgen auf, in einer uns fremden Welt.
Viele Autisten fordern, dass man uns Mitspracherecht und Mitwirkungsrecht einräumt und gewährt.
Wir wollen beteiligt werden bei allen Vorhaben, wo es um uns geht.

Wann immer man sich um unsere Belange kümmert, wer auch immer sich Gedanken darüber macht, was uns hilft, welche Therapien oder Einrichtungen sinnvoll wären, beteiligt uns!

Welche Stellen, Institutionen auch immer schicksalsbeeinflussende Entscheidungen für Autisten zu treffen haben. Wir gehören mit an die Seite unserer autistischen Mitbetroffenen, weil nur wir Nativspeaker sind, die in der Lage sind, Unseresgleichen wahrlich zu verstehen und für sie zu übersetzen.

( Hannover, den 20.9.2018  –  Fachtagung: „Autismus und Bildung in Niedersachsen“)

 

Regine Winkelmann

Heilpraktikerin und Leiterin der Schule, Autismusberatung und Öffentlichkeitsarbeit

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